Die Neurobiologie der Digital Natives

Digital Natives (dt.: Digitale Ureinwohner) sind im Zeitalter der neuen Technologien aufgewachsen, beherrschen Multitasking und das Spiel mit Identitäten. Sie sind weltoffen, multikulturell und wenig traditions- und hierarchiegebunden. Diese Eigenschaften sind nach Marc Prensky, der diese Generationenbezeichnung geprägt hat, nicht etwa das Produkt einer neuen globaldenkenden Bewegung, sondern vielmehr die Nebenwirkung der neuen Medien. Die beinahe omnipräsente Interaktion mit Internet, Mobiltelefonen und Unterhaltungsgerätem haben fundamentale Auswirkungen auf diese Generation hinterlassen. Das Resultat soll eine neue Verarbeitungsart von Informationen und ihre Vernetzung sein von der Digital Immigrants (dt.: Digitale Einwanderer) aus den vorangegangenen Jahrzehnten nur träumen können.

Prensky sieht die Grundlage für diese Anpassung in einer Veränderung der Hirn- und Denkstrukturen der jungen Menschen, die es gewohnt sind, gemäß den Möglichkeiten der neuen Medien zu agieren.

„Digital Natives sind es gewohnt Information sehr schnell aufzunehmen. Sie mögen es parallel und via Multitasking zu arbeiten. Sie ziehen Grafiken und den Direktzugriff auf Informationen bloßem Text vor. Sie funktionieren am besten, wenn sie vernetzt sind und gedeihen bei sofortiger und häufiger Belohnung. Digital Natives ziehen Spiele „ernsthafter“ Arbeit vor.“ [1]

Ohne Zweifel haben Computer, Internet und andere Medien das Leben vieler in den Industriestaaten geprägt, doch bleibt die Frage zu klären, ob der nicht unumstrittene Begriff „Digital Native“ ein wirklich existentes Phänomen beschreibt. Gibt es Hinweise auf strukturelle Hirnveränderungen bei Menschen, die sich stark mit neuen Technologien beschäftigen? Und wenn ja, inwiefern hat dies Einfluss auf Ihr Denken und Verhalten?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen die einzelnen Einflüsse der verschiedenen Medien genauer untersucht werden. Denn erst dann kann eine Schlussfolgerung über die generelle Auswirkung von Computer, Internet, Mobiltelefon & Co. gewagt werden. Prenksy selbst gibt einen Ansatzpunkt für eine solche Untersuchung, wenn er sagt „Digital Natives ziehen Spiele „ernsthafter“ Arbeit vor“ und wo zeigt sich dieser Aspekt besser als bei heutigen Computerspielern? Um den neurobiologischen Einfluss von exzessiven Computerspielen zu untersuchen hat ein Forscherteam der Berliner Charité unter der Leitung von Jürgen Gallinat 2012 eine MR-Studie durchgeführt [2]. Hierbei wurden die Hirnstrukturen von Nichtspieler mit Personen verglichen, die 9 Stunden pro Tag am Computer spielten. Der Vergleich zeigt, dass häufiges Computerspielen tatsächlich eine Veränderung im Gehirn bewirkt. Vor allem der präfrontale Kortex, der mit Problemlösen und strategischem Denken in Verbindung gebracht wird, kann hierbei ein Wachstum von bis zu 1 mm ausweisen. Eine zweite Region, die eine Veränderung aufweist, ist das Belohnungssystem (ventrales Striatum). Diese Ergebnisse decken sich mit den Spielmechaniken der meisten Computerspiele: Eine Kaskade von Problemlösungen und Belohnungen.

Durch häufiges Computerspielen betroffene Hirnregionen.

Einen zweiten Punkt den Prenksy in seiner Beschreibung der Digital Natives anspricht ist ihr hoher Vernetzungsgrad. Seit Mitte der 1990er Jahre hat vor allem die Vernetzung von sozialen Informationen durch die aufstrebenden Social Media einen wachsenden Stellewert im Leben vieler junger Menschen bekommen. Die damit verbundenen Möglichkeiten, sich untereinander auszutauschen und mediale Inhalte einzeln oder in Gemeinschaft zu gestalten, scheinen ein integraler Bestandteil im Leben der Digital Natives geworden zu sein. Und die Zahlen bestätigen dies: allein im Jahr 2010 waren 86 % aller US-Jugendlichen allein bei Facebook registriert. Bei insgesamt 640 Mio. registrierte Benutzer und 310 Mio. täglichen Zugriffen kann man bereits von einem kulturellen Massenphänomen sprechen [3]. Social Media sind jedoch weit mehr als nur Plattformen für den sozialen Austausch. Der Konkurrenzdruck und die fortschreitende unternehmerische Kommerzialisierung tragen dazu bei soziale Medien immer mehr zur Selbstdarstellung zu nutzen. In Untersuchungen zeigt sich daher, dass die ausgiebige Nutzung von Social Media narzisstische Tendenzen fördert [4].

Die neuen Medien und ihr Einfluss auf jene Menschen, die mit ihnen aufgewachsen sind rücken in letzter Zeit verstärkt ins Interesse wissenschaftlicher Untersuchungen. Es zeigt sich, dass sich unser Denken und die damit verbundenen Hirnstrukturen durch ständiges Training den neuen Möglichkeiten anpassen. Diese Verschiebung hin zu einer effizienten Verarbeitung von digital generierbaren Information scheint jedoch auch Auswirkungen auf unser „reales“ Sozialverhalten in Face-to-Face Situationen zu haben. Denn die Gewöhnung an ein „schnelles“ Belohntwerden und ein oberflächliches Sozialverhalten bilden ebenso die Grundlage für die neuen Werte der Digital Natives, wie die allgegenwärtige Verfügbarkeit und Manipulierbarkeit von Informationen.

[1] Marc Prensky: Digital Natives, Digital Immigrants, in: On The Horizon, ISSN 1074-8121, MCB University Press, Vol. 9 No. 5, Oktober 2001

[2] Jürgen Gallinat, Berliner Charité, 2012 (noch nicht veröffentlicht).

[3] Search Engine Journal, 2010.

[4] Larry Rosen (2011), Vortrag: “Poke Me: How Social Networks Can Both Help and Harm Our Kids“, American Psychological Association.

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